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Hessisches Wirtschaftsarchiv
eine Einrichtung der hessischen Industrie- und Handelskammern
und der Handwerkskammer Rhein-Main

informationen aus dem hwa

Übernahme des Cassella-Archivs abgeschlossen
Eine Bereicherung für die wirtschaftshistorische Forschung

Fotoalbum von 1895

Lange hat sich das Hessische Wirtschaftsarchiv um das Archiv der früheren Cassella AG bemüht - nun ist die Übernahme endlich vollzogen. Nach Unterzeichnung eines entsprechenden Depositalvertrags mit der Eigentümerin, der Allessa GmbH, wurden in den vergangenen Tagen rund 260 Regalmeter Akten, Dokumente, Fotos, Filme, Audiokassetten und Bücher aus dem Keller des historischen Verwaltungsgebäudes der Cassella AG an der Hanauer Landstraße in Frankfurt-Fechenheim nach Darmstadt transportiert, wo sie in den kommenden Jahren erschlossen und der Forschung zugänglich gemacht werden sollen. Der Wert des Cassella-Archivs für die Forschung liegt nicht in seinem Umfang und seiner dichten Überlieferung begründet, sondern ergibt sich aus der Bedeutung des Unternehmens, das zu den führenden Farbenfabriken Deutschlands zählte.

Dr. Meinhard Hoffmann, Dr. Leo Gans, Dr. Arthur Weinberg, 1895

Hervorgegangen ist die Firma Cassella AG aus dem Handelsunternehmen Leopold Cassella & Co., das seit 1820 in Frankfurt a.M. mit Naturfarbstoffen handelte. Als 1870 absehbar war, dass den Anilinfarben die Zukunft gehören würde, errichtete Leo Gans mit Unterstützung seiner Familie im Osten von Frankfurt, im Hanauischen Fechenheim, eine Chemie- und Farbenfabrik, die er bis zur Jahrhundertwende gemeinsam mit seinem Neffen Dr. Arthur Weinberg zu einem der bedeutendsten Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet mit 1.800 Beschäftigten ausbaute. Die Eigentümerfamilien Gans und Weinberg gehörten damals zu den reichsten Familien in Deutschland. Erfolgreich war die Firma Leopold Cassella & Co. bei der Entwicklung einer neuartigen Gruppe von synthetischen Farbstoffen, den Schwefelfarbstoffen, die Paul Ehrlich zum Ausgangsmaterial für die Bekämpfung von Infektionskrankheiten machte. Louis Benda, ein Mitarbeiter von Cassella, unterstützte Ehrlich bei der Entwicklung des Syphilis-Wundermittels Salvarsan.

1904 schloss die Cassella auf der Basis einer gegenseitigen Beteiligung einen Kooperationsvertrag mit den Farbwerken Hoechst. 1925 war das Unternehmen "Gründungsmitglied" der I.G. Farbenindustrie AG, wurde jedoch nicht auf die neue Gesellschaft verschmolzen, sondern als GmbH bis 1937 weitergeführt. Seit 1933 drängten die Nationalsozialisten die jüdischen Eigentümer aus dem Unternehmen. Die Brüder Carl und Arthur Weinberg schieden 1937 aus dem Aufsichtsrat der IG Farben aus. Arthur von Weinberg starb 1943 im KZ Theresienstadt. Sein Bruder Carl, der sich kurz vor Ausbruch des Krieges nach Italien abgesetzt hatte und bei seiner Schwester lebte, war einige Tage zuvor als gebrochener Mann im Exil gestorben.

Herstellung von Naphtolblauschwarz, 1895

Als die Amerikanische Militärregierung 1945 die I.G. Farbenindustrie AG zerschlug, wurde das Werk Fechenheim als selbständiges Unternehmen unter der Firma Cassella Farbwerke Mainkur AG weitergeführt. Die Anteile lagen zu gleichen Teilen bei den drei Großen BASF, Bayer und Hoechst. Im Zuge der so genannten Zweiten IG-Entflechtung verkauften BASF und Bayer ihre Cassella-Beteiligung an die Hoechst AG. 1994 wurde die Cassella AG liquidiert und als Werk Cassella in die Gesellschaft eingeliedert. Bei der Umstrukturierung der Hoechst AG 1994 kam das Werk Cassella zur Clariant AG, die es 2001 an Privatinvestoren verkaufte.

Das Cassella-Archiv deckt weitgehend den gesamten Zeitraum der Unternehmensgeschichte ab. Wegen seiner großen Bedeutung für die Geschichtsforschung ist das Hessische Wirtschaftsarchiv um eine zeitnahe Verzeichnung bemüht. Dennoch werden die Arbeiten sicherlich nicht vor 2017 abgeschlossen sein. Erst dann wird der Bestand nutzbar sein.


25.11.2014