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Hessisches Wirtschaftsarchiv
eine Einrichtung der hessischen Industrie- und Handelskammern
und der Handwerkskammer Rhein-Main

informationen aus dem hwa

Das Hessische Wirtschaftsarchiv sichert Teile des Neckermann-Archivs

Plakat, ca. 1958

Kaum ein anderes Unternehmen symbolisiert des deutsche "Wirtschaftswunder" mehr als das Versandhaus Neckermann. Am 6. Dezember 1948, kurz nach der Währungsreform, gründete der in Würzburg gebürtige Josef Neckermann in der Mainzer Landstraße in Frankfurt a.M. die Textilhandelsgesellschaft KG, die im April 1950 in die Neckermann Versand GmbH überging. Die Stadt Frankfurt a.M. stellte dem expandierenden Unternehmen zu günstigen Konditionen ein 6.500 m² großes Grundstück am Ostbahnhof zur Verfügung. Im März 1950 erschien der erste Katalog: Er umfasste 12 Seiten und erhielt die Nr. 119, die eine lange Versandhaustradition vortäuschen sollte.

Nach dem Krieg und den Entbehrungen der Nachkriegszeit war der Nachholbedarf der Bevölkerung an Konsumgütern enorm. Neckermann weitete sein Angebot – 1953 kamen Kleinmöbel, Lederwaren und Rundfunkgeräte, 1955 Fahrräder und Waschmaschinen ins Programm – ständig aus und bot alles zu ausgesprochen niedrigen Preisen an. Neckermann wurde zur Galionsfigur des deutschen "Wirtschaftswunder" und zur Inkarnation der Erhard'schen Devise "Wohlstand für alle".

1958 beschäftige Neckermann über 6.000 Menschen, zu denen im Vorweihnachtsgeschäft noch zahlreiche Aushilfskräfte kamen. Da der Firmensitz am Ostbahnhof zu klein geworden war, errichtete Neckermann an der Hanauer Landstraße im Frankfurter Stadtteil Fechenheim ein neues Firmengebäude, das am 15. September 1960 bezogen werden konnte. Das von dem Architekten Egon Eiermann, einer der bedeutendsten deutschen Architekten der Nachkriegsmoderne, entworfene sechsstöckige Gebäude war 256 m lang und 56 m breit.

Katalog von 1950

Seit der Mitte der 1960er Jahre geriet Neckermann in Zahlungsschwierigkeiten, die zunächst noch durch den Börsengang und Lieferantenkredite überdeckt werden konnte. Mitte der 1970er Jahre stand das Unternehmen vor der Pleite und musste die Aktienmehrheit an die Karstadt AG verkaufen. Später wurde die KarstadtQuelle AG bzw. die Arcandor AG Eigentümerin. Als letzte 2006 die Mehrheit an einen Investor abtrat, zeichnete sich das Ende bereits ab. Am 18. Juli 2012 stellte Neckermann Insolvenzantrag. Da sich kein Investor fand, wurde das Geschäft abgewickelt.

Unmittelbar nach Bekanntwerden der Insolvenz setzte sich das Hessische Wirtschaftsarchiv mit dem Insolvenzverwalter in Verbindung, der auch zusagte, die noch vorhandenen Archivalien zusammentragen zu lassen und sie dem Hessischen Wirtschaftsarchiv zur Verfügung zu stellen. Das Ergebnis allerdings war mehr als ernüchternd: Es fanden sich keine Unterlagen, die älter als 10 Jahre waren. Offenbar war während der diversen Umstrukturierungen und Eigentümerwechsel alles Historische gründlich entsorgt worden.

Als das Hessische Wirtschaftsarchiv die Hoffnung längst aufgegeben hatte, noch Reste des Unternehmensarchivs sichern zu können, kam der Zufall in Form eines ehemaligen Neckermann-Mitarbeiters zu Hilfe. Er und einige seiner Kollegen hatten, als die Anweisung kam, die Dokumente zu entsorgen, einen Großteil gerettet und mit Zustimmung eines Geschäftsführungsmitglieds in einem leer stehenden Kellerraum untergebracht. Als jetzt jederzeit damit gerechnet werden musste, dass der neue Besitzer der Immobilie den Raum räumen lassen würde, wandte sich der Mitarbeiter an das Hessische Wirtschaftsarchiv.

Am 15. Mai 2014 konnten wir in Frankfurt-Fechenheim rund 50 Umzugskartons mit Archivalien sichern. Akten im eigentlichen Sinne, also Verträge, Bilanzen, Protokolle etc. waren zwar nicht dabei, dafür aber Tausende von Fotos, Hunderte von Filmrollen bzw. Audio- und Videokassetten, Kataloge (auch von Konkurrenten) sowie rund 120 Plakate, die alle bis weit in die 1950er Jahre zurückreichen.

Wir werden uns bemühen, den Bestand "Neckermann" so schnell wie möglich zu erschließen, damit er der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung steht.