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Hessisches Wirtschaftsarchiv
eine Einrichtung der hessischen Industrie- und Handelskammern
und der Handwerkskammer Rhein-Main


Abt 101, Oberselters Mineral- und Heilquellen GmbH

Umfang 21 lfd. m
Laufzeit 1871 - 1987
Findmittel Datenbank; Findbuch, bearb. von Ulrich Eisenbach, 2000

Geschichte des Bestands

Die Altakten der OberSelters Mineral- und Heilquellen GmbH bis ca. 1970 (abgesehen von einigen Kassationen identisch mit dem vorliegenden Bestand) waren, ohne Signatur und zum Teil völlig ungeordnet, auf dem Dachboden des Verwaltungsgebäudes in Bad Camberg-Oberselters unterge-bracht. Aktenpläne oder Verzeichnisse, die Aufschluß über ein Ordnungs- oder Ablagesystem hätten geben können, fehlten.

Im Rahmen eines Auftrages zur Erforschung der Geschichte des Obersel-terser Brunnenbetriebs begann Dr. Ulrich Eisenbach 1990 mit der Vorord-nung und Verzeichnung der Akten. Im Oktober 1992 gab die OberSelters Mineral- und Heilquellen GmbH den Bestand, ergänzt durch einige Akten aus der neueren Registratur, als Depositum an das Hessische Wirtschaftsar-chiv ab. Die endgültige Verzeichnung erfolgte, mit Unterbrechungen, in den Jahren 1994 bis 1996.

Als Ergänzung zum vorliegenden Bestand sei auf die Überlieferung der Gemeinde Oberselters im Archiv der Stadt Camberg hingewiesen. Dort be-finden sich vor allem Unterlagen über das Pachtverhältnis der Gemeinde mit der Nassau-Selterser Mineralquellen AG, die Abgabe des Haustrunks an die Bewohner von Oberselters und die Übernahme des Brunnenbetriebs durch die Gemeinde seit 1951.

Geschichte des Unternehmens

Der erste schriftliche Hinweis auf die Existenz einer Mineralquelle in Oberselters findet sich in der Oberselterser Bürgermeisterrechnung des Jahres 1678. Darin ist eine Ausgabe von 1 Gulden für die Reinigung eines Entwässerungsgrabens in der "Sauher Wisen" unterhalb des "Heiligenhäuschens" vermerkt. Spätestens 1708 wurde die Quelle in Holz gefaßt. Nicht nur die Bewohner der umliegenden Orte nutzten sie: Fuhrleute brachten das Wasser nach Frankfurt a.M., um es dort auf eigene Rechnung zu verkaufen. Durch den zunehmenden Publikumsverkehr wurden die umliegenden Wiesen stark in Mitleidenschaft gezogen. Deren Eigentümer, Schultheiß Pabst, ließ die Quelle schließlich zuschütten, um weitere Schäden zu vermeiden.

Erst 1794 besannen sich die Bewohner von Oberselters wieder ihrer Quelle und begannen, sie erneut freizulegen, um sie gewinnbringend zu verpachten. Damit lösten sie einen ernsten Konflikt zwischen Nassau-Oranien und Kurtrier aus. Beide Staaten teilten sich die Landeshoheit im zweiherrschaftlichen Amt Camberg, zu dem auch Oberselters gehörte. Während Nassau-Oranien die Oberselterser ermunterte, in ihrem Vorhaben fortzufahren, untersagte Kurtrier die kommerzielle Nutzung der Quelle, da es eine Beeinträchtigung seines eigenen fiskalischen Brunnenbetriebs in Niederselters fürchtete. Unter Aufbietung eines Militärkommandos gelang es Kurtrier schließlich, die Gemeinde Oberselters zunächst zur Aufgabe ihrer Pläne zu bewegen. 1804 jedoch unternahm sie einen zweiten Versuch, wiederum unterstützt von der nassau-oranischen Mitherrschaft. Diesmal gelang es dem Fürstentum Nassau-Weilburg, das die Erbschaft des säkularisierten Kurfürstentums Trier angetreten hatte, die Oberselterser Absichten zu vereiteln.

Das Herzogtum Nassau, zu dem Oberselters von 1816-1866 gehörte, zeigte kein Interesse an der Quelle, da es genügend gut eingeführte fiskalische Mineralbrunnenbetriebe besaß. Einer Fassung der Quelle durch die Gemeinde stand das nassauische Bergrecht entgegen, nach dem der Fiskus Eigentümer aller Bodenschätze - auch der Mineralquellen - war.

Erst die Annexion Nassaus durch Preußen, das dem privaten unternehmerischen Engagement sehr viel wohlwollender gegenüberstand, machte den Weg für eine kommerzielle Nutzung der Quelle frei. 1871 fand sich ein Konsortium, dem u.a. Ernst Born, Direktor des Emser Blei- und Silberbergwerks, Hubert Hilf, später Reichstagsabgeordneter und Vorsitzender der Handelskammer Limburg, und der Diezer Rechtsanwalt August Velde angehörten, das die Mineralquelle von der Gemeinde pachtete und bis Ende 1872 die Quellenfassungen und notwendigen Hochbauten fertigstellte. Im Frühjahr 1873 konnte der Versand aufgenommen werden. Kurz zuvor war die Nassau-Selterser Mineralquellen AG gegründet worden und hatte die Geschäfte der früheren Pachtgesellschaft übernommen.

Die schwierigen Anfangsjahre, die mit der von 1874 bis 1890 dauernden Wirtschaftskrise zusammenfielen, überstand das Unternehmen vor allem dank einer Senkung der Pachtzinsen von 9.000 auf 2.000 Mark jährlich, auf die sich die Gemeinde Oberselters nach langwierigen Verhandlungen 1879 einließ. 1927 verständigte man sich auf eine Verlängerung des Pachtvertrages um 25 Jahre. Neben einem festen jährlichen Zins von 5.250 RM erhielt die Gemeinde Oberselters nun eine Absatzbeteiligung von 0,05 Pf. pro verkaufter Flasche. Zu dieser Zeit hatte sich der Mineralwasserabsatz auf rund 2 Mio. Flaschen eingependelt. Zum Sortiment gehörten seit den 1920er Jahren auch Limonaden und ab 1935 Afri-Cola, das in Lizenz abgefüllt und vertrieben wurde.

Im Herbst 1949 erwarb G.G. Weihl, Eigentümer des Luisen-Brunnens in Bad Vilbel, eine Mehrheitsbeteiligung an der Nassau-Selterser Mineralquellen AG. 1951 verkaufte er sein Aktienpaket an die Gemeinde Oberselters, die nun selbst Mehrheitseigentümerin wurde. Am 21. Juli 1958 beschloß die Hauptversammlung die Umwandlung der Aktiengesellschaft in eine GmbH unter der Firma Nassau-Selterser Mineralquellen GmbH. Das Stammkapital betrug 80.000 DM und setzte sich aus 160 Geschäftsanteilen zusammen, von denen 118 auf die Gemeinde Oberselters entfielen. Mit der Eingliederung von Oberselters in den Stadtverband Camberg am 1.7.1974 gingen die Geschäftsanteile auf die Stadt Bad Camberg als Rechtsnachfolgerin der Gemeinde Oberselters über. Im Jahr darauf wurde die Firma in "OberSelters Mineral- und Heilquellen GmbH" geändert.

Der Absatz stieg von rund 8 Mio. Flaschen Ende der 60er Jahre auf ca. 60 Mio. Anfang der 90er Jahre. Spielte bis vor dem Ersten Weltkrieg der Auslandsabsatz, vor allem nach Österreich-Ungarn, Großbritannien, in die Schweiz und die USA noch eine große Rolle, so beschränkt sich heute das Absatzgebiet im wesentlichen auf die Region im Umkreis von 100 km um Bad Camberg.

Literatur

Die Mineralquelle zu Oberselters, ihre Geschichte, Bestandtheile und Heilkräfte. Hrsg. von der Nassau-Selterser Mineral- und Heilquellen AG, Oberselters o.J. (um 1880).

Armin Kuhnigk, Der "Kamberger Sauerbrunnen", in: Camberg. 700 Jahre Stadtrechte. Beiträge zur Heimatkunde, Bad Camberg 1981, S. 159-161.

Ulrich Eisenbach, Die Auseinandersetzungen um die Oberselterser Mineral-quelle in den Jahren 1794 und 1804, in: Nassauische Annalen 102 (1991), S. 101 - 114.

Ulrich Eisenbach, Die Nassau-Selterser Mineralquellen AG, in: Oberselters und seine Geschichte, Bad Camberg 1993 (Bad Camberger Archivschriften 6), S. 204-224.