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Hessisches Wirtschaftsarchiv
eine Einrichtung der hessischen Industrie- und Handelskammern
und der Handwerkskammer Rhein-Main


Abt. 102, Steingutfabrik Staffel

Umfang 20 lfd. m
Laufzeit 1899 - 1989
Findmittel Datenbank; Findbuch, bearb. von Ute Mayer, 1996

Geschichte des Bestands

Der Bestand wurde 1991, noch vor der offiziellen Gründung des Hessischen Wirtschaftsarchivs, als Schenkung aus der Konkursmasse der Steingutfabrik Staffel übernommen. Er umfaßt vor allem Schriftgut aus der Zeit nach 1945, wobei Unterlagen zu Materialbeschaffung und Warenvertrieb überwiegen. Aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg haben sich vor allem Geschäfts- und Produktionsbücher erhalten. Möglicherweise ist der Verlust der übrigen Unterlagen durch Kriegseinwirkungen, bzw. die Hochwasser- und Brandschäden des Jahres 1946 zu erklären. Der Verlust des Schriftguts aus der Zeit der Jahrhundertwende datiert wahrscheinlich bereits in den Februar 1909, als nach Zeitungsberichten drei Beschäftigte der Steingutfabrik bei dem Versuch, während einer Hochwasserkatastrophe die Geschäftsbücher mit Hilfe eines Kahns aus den Büroräumen zu retten, ums Leben kamen.

Der Bestand wurde 1992-1993 verzeichnet. Die redaktionelle Überarbeitung und die Erstellung des Findbuchs wurden 1996 vorgenommen.

Geschichte des Unternehmens

In den etwa 100 Jahren ihres Bestehens hat die Steingutfabrik in Staffel eine Vielzahl von Besitzerwechseln erlebt. Am Anfang steht der Engländer Williams, der 1889 den Mühlenbetrieb Hille kaufte und dort einen keramischen Betrieb einrichtete. Zunächst wurden in kleinem Maßstab, mit nur neun Arbeitern und drei Drehscheiben, vor allem Steinguttöpfe hergestellt.

Bereits 1893 ging der Keramikbetrieb in die Hände des Kaufmanns Muellert und des Steinzeugfachmanns Tyriot über, die zwei neue Rundöfen bauen ließen und 1894 eine Dampfmaschine zur Stromversorgung anschafften. Schon vier Jahre später, 1897, wurde die Thonwaaren- und Stein-gut-Actiengesellschaft von der Aktiengesellschaft Busch, Stahlheber & Langschied übernommen, deren umfangreiche Investionen in neue Gebäude und Maschinen in Verbindung mit der Herstellung offenbar minderwertiger Ware allerdings schon im Jahr 1903 zum Konkurs führten.

Aus der Konkursmasse erwarb der Kaufmann Hermann Rothgießer aus Hannover die Fabrik und gründete am 9. Dezember 1904 gemeinsam mit dem Ingenieur Emil Albrecht aus Hannover die Steingutfabrik Staffel GmbH, deren sämtliche Geschäftsanteile im Jahre 1908 von der Deutschen Steingut Actien-Gesellschaft vorm. Gebr. Hubbe in Neu-haldensleben übernommen wurden. Im Februar 1909 verursachte ein Hochwasser so weitreichende Schäden, daß die Firmenanteile an das Bankhaus Carl Cohn in Berlin verkauft werden mußten. Diese setzte das Stammkapital von 345.000 Mark auf 55.000 Mark herab und verkaufte das Unternehmen bereits ein Jahr später, 1910, an die Nationalbank für Deutschland in Berlin.

Im Jahre 1921 übernahmen die Bing Glas & Keramik KG und die Justin & Albert Ottenstein oHG aus Nrnberg die Steingutfabrik. Das Unternehmen befand sich durch den Verlust seiner Auslandsmärkte als Folge des ersten Weltkrieges in einer schweren Krise, die die schlechte Konjunktur der frühen zwanziger Jahre noch verschärfte. Nachdem im Jahre 1924 der Betrieb für einige Wochen völlig eingestellt werden mußte, entspannte sich die Lage in der Folgezeit kurzfristig etwas. Im Jahr 1927 ging die Steingutfabrik in den Besitz der sächsischen Steingutfabrik Colditz AG über.

Im Juni 1931 zwang die schlechte wirtschaftliche Lage, die in den Entlassungen seit 1929 sichtbar geworden war, die Firma dazu, ihren Betrieb einzustellen. Nachdem im November Otto Zehe aus Colditz als alleinvertretungsberechtigter Geschäftsführer eingesetzt worden war, konnte die Produktion im folgenden Jahr wieder aufgenommen werden.

Die wirtschaftliche Situation des Unternehmens blieb jedoch weiterhin schlecht, wie die Kapitalherabsetzungen der folgenden Jahre zeigen: 1934 muáte das Stammkapital von bisher 600.000 RM (von dem die Steingutfabrik Colditz 340.000, Otto Zehe 260.000 Mark besaßen) auf 300.000 RM herabgesetzt werden, und seit 1937 war die Steingutfabrik Colditz AG alleinige Gesellschafterin mit nur 175.000 RM Stammkapital. Die Krise wurde wohl durch den schlechten Zustand der Gebäude und Maschinen verursacht, der zusammen mit einer unwirtschaftlichen Energieerzeugung eine rentable Produktion unmäglich machte.

Nach 1945 wurden Josef Bartz aus Limburg als Treuhänder und Rudolf Medicus-Jesinghaus und Julius Löb als neue Geschäftsführer eingesetzt.

Nachdem im Frühjahr 1946 eine Überschwemmung Schäden in Höhe von 80.000 Reichsmark verursacht hatte und durch zwei Brände im August und November Dreherei, Lagerraum, Expedition und Büroräume vernichtet worden waren, kam es im Januar 1947 zu einer Stillegung der Fabrik wegen Kohlenmangels. Trotz dieser Rückschläge war in diesen Jahren ein wirtschaftlicher Aufschwung zu verzeichnen, der sich einerseits aus dem wegen der Kriegszerstörungen sehr großen Bedarf von Privathaushalten und Industrie an Steingut erklärt, der andererseits auf die zahlreichen sudetendeutschen Facharbeiter, die der Fabrik nun als Arbeitskräfte zur Verfügung standen, zurückgeführt werden kann. Hinzu kamen Investitionen wie der Neubau eines modernen Tunnelofens, der die bisher genutzten Rundöfen ersetzte und am 13. Oktober 1949 eingeweiht wurde.

Bereits im August 1949 hatte die Muttergesellschaft Steingutfabrik Colditz AG, deren Besitz in Colditz enteignet worden war und der nur ihre westlichen Beteiligungen an der Steingutfabrik Staffel, der Edelstein Porzellanfabrik Küps und der Glas-, Porzellan- und Steingut-Handels-AG Berlin verblieben waren, ihren Geschäftssitz nach Limburg verlegt.

Der wirtschaftliche Aufschwung der Steingutfabrik Staffel hielt bis in die sechziger Jahre an. Als größter Steinguthersteller in Hessen produzierte das Unternehmen zu dieser Zeit vor allem für Großhändler und Kaufhausketten im In- und Ausland. Diese einseitige Orientierung führte jedoch in der Folgezeit zum Niedergang, da es den preiswerteren böhmischen Steingutherstellern im Rahmen der allmählich neu entstehenden Wirtschaftsbeziehungen mit Osteuropa gelang, die Steingutfabrik Staffel vom westeuropäischen Markt zu verdrängen. Bereits 1965 sank die Zahl der Beschäftigten von bisher 350 auf 250: 20 Personen muáten entlassen werden, die übrigen gingen freiwillig.

Im Jahr 1974 verkaufte die Colditz-Industrie-Holding AG die Steingutfabrik Staffel an Dr. Pöppinghaus, den Inhaber der Gerz Steinzeug GmbH in Sessenbach bei Höhr-Grenzhausen, der umfangreiche Investitionen in neue Tunnelöfen und Produktionsräume vornahm.

Im März 1989 wechselte die Steingutfabrik in den Besitz einer Investorengruppe (Scharfe GmbH und der geschäftsführende Gesellschafter Horst Tesch) über. Im Oktober des gleichen Jahres wurde noch zusammen mit den neuen Besitzern das 100-jährige Firmenjubiläum gefeiert. Nachdem ein stiller Teilhaber eine zugesagte Bürgschaft zurückgezogen hatte, mußte jedoch am 22. Juni 1990 Konkurs angemeldet werden. Am 31. Dezember 1991 wurde die Produktion endgültig eingestellt.

Literatur

Jubiläumsgabe zum 40jährigen Bestehen der Steingutfabrik Colditz Aktiengesellschaft, Colditz i. Sachsen, 1947

Bellinger/Wolf: Geschichte der Steingutfabrik Staffel. Masch. Manuskript 1959 (Enthalten in: HWA Abt. 9, Firmenakte Steingutfabrik Staffel)

Eisenbach, Ulrich: Geschichte der Steingutfabrik Staffel (unveröffentlichtes Manuskript, 1995)