kopfzeile
Hessisches Wirtschaftsarchiv
eine Einrichtung der hessischen Industrie- und Handelskammern
und der Handwerkskammer Rhein-Main


Abt. 127 - Mineralbrunnen Fachingen

Umfang 0,2 lfd. m
Laufzeit 1897 - 1967
Findmittel Datenbank; Findbuch "Kleinere Bestände, Bd. 1"

Geschichte des Bestands

Der Bestand, etwa 0,25 lfd. m, wurde dem Hessischen Wirtschaftsarchiv von der Staatlich Mineralbrunnen Siemens Erben oHG, Mainz, als Depositum übergeben.

Geschichte des Unternehmens

Die erste Analyse des Fachinger Quellwassers, eines Natrium-Hydrocarbonat-Säuerlings, wurde 1742 durch den Amtsphysicus Dr. Forell vorgenommen. Aufgrund seines Gutachtens wurde die Quelle in den Jahren 1746-1747 als brunnenartiger Schacht gefasst, wobei auch ältere Fassungen entdeckt wurden. Bereits 1746 begann der Versand des Wassers in verkorkten und verpichten Krügen. Obwohl 1750 23.000 Krüge abgesetzt werden konnten, gestaltete sich in der Folgezeit der Absatz schleppend und der Betrieb blieb auf Zuschüsse angewiesen.

Nach der Verpachtung der Quelle an den Kaufmann Kasimir Herborn aus Diez im Jahr 1765 stieg der Absatz an, weil durch größere Sorgfalt bei der Abfüllung eine bessere Qualität des Produkts erreicht wurde. Nach mehrfacher Verlängerung des Pachtverhältnisses mit Herborn wurde 1788 die Neuverpachtung versteigert. Ab 1790 war August Theodor Pilgrim aus Dietz der neue Pächter, dessen hohe Pachtzahlungen die Rentkammer zu Investitionen in die Anlagen veranlassten.

Während der Revolutionszeit brach der Absatz massiv ein, da der Rhein für die Handelsschifffahrt gesperrt war. Kurzfristig betrieb Pilgrim sogar eine eigene Krugmanufaktur, um die Versorgung des Brunnens mit Krügen sicher zu stellen.

Nachdem der Absatz mit 30.000 Krügen 1809 einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hatte, war ab 1811 eine gegenläufige Entwicklung zu verzeichnen. Die Verwaltung des Brunnens lag nunmehr in der Zuständigkeit der zentralen Brunnenverwaltung der herzoglich-nassauischen Verwaltung, die beim Niederselterser Betrieb angesiedelt war und vor allem diesen förderte.

Seit 1814 wurde der Fachinger Brunnen von der Dillenburger Rentkammer in Eigenregie betrieben. Zur Abgrenzung vom Niederselterser Brunnen wurden nun Mineralwasserdepots in Oberselters und Niedernhausen bei Wiesbaden eingerichtet, woraufhin der Absatz wieder stieg. 1815 fielen die oranischen Besitzungen an das Herzogtum Nassau, das die Mineralbrunnen der Generaldomänendirektion unterstellte, wobei der Fachinger Brunnen erneut durch den Niederselterser Brunnen verwaltet wurde.

Wegen Trübung und Geschmacksbeeinträchtigung des Fachinger Wassers wurde die Quelle 1823 neu gefasst, wobei mehrere bei dieser Gelegenheit entdeckte Nebenquellen in die Hauptquelle eingeleitet wurden, was zu einer besseren Wasserqualität führte.

Nachdem der Alleinvertrieb aller Nassauer Wässer von 1822 bis 1828 nach mehrjährigen Verhandlungen an Johannes Horstmann aus Höchst am Main verpachtet worden war, wurde 1828-1830 der Alleinvertrieb an Georg Heinrich Koch übertragen. In der Folgezeit ging der Absatz des Fachinger Wassers massiv zurück; Gründe hierfür waren neben den Revolutionsunruhen um 1830 und 1848, der Choleraepidemie 1832 sowie der Konkurrenz billigerer Wässer vor allem die bevorzugte Behandlung des Niederselterser Brunnens durch die Domanialbrunnenverwaltung. 1848 erreichte der Mineralwasserversand mit 157.451 Krügen einen Tiefpunkt.

Seit Mitte der 1820er Jahre waren die Krüge nicht mehr durch Eintauchen von Hand, sondern durch die Versenkung eines flaschengefüllten Drahtkorbes mit Hilfe eines Flaschenzug gefüllt worden, der 1848 durch einen Eisenkran mit drei Schwenkarmen ersetzt wurde. Nachdem die nassauischen Brunnen 1866 in den Besitz des preußischen Fiskus übergegangen waren, wurde die Fachinger Quelle erneut neu gefasst, wobei das Wasser nun in Röhren geleitet wurde, so dass die Abfüllung über Tage erfolgen konnte. Zwar blieben Westerwälder Tonkrüge noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die bevorzugten Gefäße für den Versand, doch führte der Fachinger Brunnen seit 1870 alternativ die Abfüllung in Glasflaschen ein.

Die seit 1830 kontinuierlich sinkenden Absatzzahlen erreichten 1885/86 mit 73.000 verkauften Krügen einen neuen Tiefpunkt, wofür neben überzogenen Preisen auch die wachsende Konkurrenz neuer Brunnenbetriebe, die mit besserem Geschäftssinn und kreativeren Vermarkungsmethoden betrieben wurden, verantwortlich war.

Eine erneute Neufassung der Quelle, die eine Verbesserung der Wasserqualität zur Folge hatte, sowie eine neue Vermarktungsstrategie, die auf eine Positionierung des Fachinger Wassers als Heilwasser statt wie bisher als Luxus-Konsumgut ausgerichtet war, bewirkte seit dem Geschäftsjahr 1886/87 einen Aufschwung. 1892/1893 wurde mit 608.414 Krügen und 118.137 Flaschen ein Rekordabsatz erzielt.

1894 wurde der Fachinger Brunnen für zunächst 22 Jahre an den Glasfabrikanten Friedrich Siemens verpachtet und von diesem als "Königl. Mineralbrunnen Siemens & Co." geführt. Nach Siemens' Tod 1904 ging das Pachtverhältnis an seine Witwe Anna Friederike Ottilie Elise Siemens über, deren Söhne die bisherige Gesellschaft auflösten und als "Königl. Mineralbrunnen Siemens Erben oHG" mit Sitz in Berlin neu gründeten. Hatte der Absatz 1895 erstmalig die eine Million Liter erreicht, so überschritt er 1904 bereits die vier Millionen Liter-Grenze. 1913 betrug der Absatz schon mehr als 6 Millionen Liter, ging während des Ersten Weltkriegs dann jedoch auf weniger als zwei Millionen Liter zurück. Nach der kurzen Wirtschaftsblüte der späten 1920er Jahre überschritt die Produktion des nunmehr als "Staatlich Mineralbrunnen Siemens Erben oHG" firmierenden Unternehmens zwar die 10 Millionen Grenze, sank jedoch infolge der Weltwirtschaftskrise auf 2.5 Millionen Flaschen im Jahr 1933.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Gebäude und Anlagen des Fachinger Betriebs zwar nicht beschädigt, aber dennoch gestaltete sich die Produktionsaufnahme nach Kriegsende äußerst schwierig, da viele Maschinen und Geräte durch Plünderungen der Besatzungstruppen beschädigt waren und erhebliche Handelsbeschränkungen unter den verschiedenen Besatzungszonen bestanden. Zudem richtete ein Hochwasser im Februar 1946 schwere Schäden am Verwaltungsgebäude an, wodurch auch das Unternehmensarchiv weitgehend vernichtet wurde.

Durch die Aufteilung des ehemals preußischen Gebiets fiel Fachingen und damit auch der Brunnen an das Land Rheinland-Pfalz, während die noch 1945 aus dem kriegszerstörten Berlin nach Wiesbaden verlagerte Verwaltung nun zu Hessen gehörte. Der bereits mehrfach verlängerte Pachtvertrag mit der Siemens Erben OHG wurde jedoch weitergeführt. Das Unternehmen bemühte sich erfolgreich um Rückübertragung des Niederselterser Brunnens, der über ein riesiges Leergutlager verfügte und im Rahmen der Pachtverlängerung 1943 an die im Besitz des SS-Verwaltungs- und Wirtschaftshauptamtes befindliche Sudetenquell GmbH übertragen worden war.

Im April 1946 konnte der Abfüllbetrieb wieder beginnen, doch erreichte der Absatz erst 1957, nachdem der Maschinenpark grundlegend erneuert worden war, wieder den Umfang der Vorkriegsjahre. Die Absatzzahlen stiegen in den folgenden Jahren steil an und betrugen 1973 das Zehnfache gegenüber 1957.

Gleichzeitig war bereits zu Anfang der 1960er Jahre die Grenze der Quellenschüttung erreicht worden. Bis 1974 wurden daher weitere sieben Vorkommen des gleichen Wassertyps erschlossen. Bereits 1966 war zur Erhöhung der Kapazität der Abfüllbetrieb in die ehemalige Flaschenreinigungsanlage verlagert worden.

1990 verkaufte das Land Rheinland-Pfalz den Fachinger Brunnen an die Überkingen-Teinach AG. Nach der Auflösung des Pachtvertrags mit der Siemens Erben OHG im Jahr 1995 gingen alle Nutzungen und Rechte an die Mineralbrunnen Überkingen-Teinach AG über.

Literatur

"Königlich Fachingen", in: Historisch Biographische Blätter. Der Regierungsbezirk Wiesbaden Bd. 2, Berlin 1913.

Ulrich Eisenbach, Das Heilwasser Fachingen. Geschichte eines besonderen Naturvorkommens, 1994.