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Hessisches Wirtschaftsarchiv
eine Einrichtung der hessischen Industrie- und Handelskammern
und der Handwerkskammer Rhein-Main

Abt. 143 - Rütgerswerke AG

Umfang 1,5 lfd. m
Laufzeit 1902 - 1991
Findmittel Datenbank; Findbuch "Kleinere Bestände, Bd. 1"

Geschichte des Bestands

Der Bestand, ca. 1,5 lfd. m, gelangte 1996 als Schenkung an das Hessische Wirtschaftsarchiv und umfasst vor allem Patentunterlagen. Er wurde 2006 durch Ute Mayer verzeichnet.

Geschichte des Unternehmens

Im Oktober 1849 gründete Julius Rütgers (1830 - 1903) in Essen ein erstes Werk zur Imprägnierung von Holz, nachdem er einen Auftrag zur Imprägnierung der Holzschwellen für die neue Köln-Mindener Eisenbahnlinie erhalten hatte. Er verwendete dafür ein neuartiges Konservierungsverfahren mit Steinkohleteeröl, das von dem Engländer John Bethell entwickelt worden war, der Rüttgers auch mit dem Imprägnieröl belieferte. 1855 erhielt Rütgers einen Folgeauftrag von der Oberschlesischen Eisenbahn-Gesellschaft; bis zur Jahrhundertwende folgten europaweit weitere 75 Imprägnierwerke.

1860 errichtete Rütgers in Berlin-Erkner eine erste Fabrik für Teerdestillation, die Steinkohlenteer verarbeitete, der nach Einführung der Gasbeleuchtung in vielen Städten als Abfallprodukt bei der Herstellung des Leuchtgases anfiel. Rütgers konnte nun sein eigens Steinkohleteeröl produzieren und wurde unabhängig von Importen aus England. Bis zur Jahrhundertwende entstanden weitere Fabrikanlagen für Teerdestillation in Niederau b. Dresden, Kattowitz, Angern b. Wien, Mochbern b. Breslau, München-Pasing, Schwientochlowitz, Mährisch-Ostrau und Rauxel.

1898 wurde das weit verzweigte Unternehmen unter der Firmierung "Rütgerswerke-Aktiengesellschaft" in eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Berlin umgewandelt, deren Stammkapital zunächst 5 Mio. Goldmark betrug, aber bereits 1902 auf 9 Mio. erhöht wurde.

1903 starb der Firmengründer Julius Rütgers, kurz darauf auch sein Sohn Rudolf. Unter Leitung des 1904 neu berufenen Vorstandsvorsitzenden Konsul S. Segall erwarb das Unternehmen für 5,8 Mio. Goldmark die Chemische Fabrik C. Weyl & Co. in Mannheim mit Werken in Mannheim, Duisburg-Wanheimerort und Hüningen i. Elsass und erweiterte damit seine Produktionsanlagen zur Aufarbeitung von Steinkohlenteer zu aromatischen Reinerzeugnissen.

Am 19. Januar 1905 wurde in Duisburg-Meiderich auf Initiative von August Thyssen die "Gesellschaft für Teerverwertung" (GfT) gegründet, die in einer leistungsfähigen Großanlage größere Teermengen verarbeiten konnte. Das ebenfalls 1905 gegründete Syndikat "Deutsche Teerprodukten-Vereinigung" mit Sitz zunächst in Berlin, seit 1916 in Essen, übernahm den Vertrieb nahezu aller deutschen Teerdestillationen.

1909 bezogen die Rütgerswerke ihr neu gebautes Verwaltungsgebäude in Berlin, dem neuen Unternehmenssitz.

Am 25.5.1910 gründeten die Rütgerswerke die "Bakelite GmbH", die unter Verwendung der 1909 von dem Chemiker Dr. Leo Baekeland erworbenen Patente die Herstellung härtbarer Phänolharze aufnahm und später auch duroplastische Pressmassen herstellte.

Zweiter Weltkrieg und die Kriegsfolgen trafen das Unternehmen schwer: Während des Zweiten Weltkriegs wurden mehrere Fabrikanlagen der Rütgerswerke und der GfT durch Fliegerangriffe stark beschädigt und durch die politische Entwicklung nach Kriegsende verloren die Rütgerswerke alle Werksanlagen östlich des eisernen Vorhangs, insgesamt 80 % der Fabrikanlagen. Trotz der schwierigen Ausgangsbedingungen konnte bereits 1945 wieder mit den Teerdestillationen begonnen werden. 1947 wurde der Unternehmenssitz nach Frankfurt a.M. verlegt. In den 1950er Jahren erwarb das Unternehmen eine Reihe von Beteiligungen (1955 Isola-Werke AG, Düren; 1956 Chemische Fabrik von Heyden AG, München; 1959 Ruberoidwerke AG, Hamburg).

Da die wirtschaftliche Situation für Teerprodukte aufgrund der zunehmenden Konkurrenz von Erdölprodukten immer problematischer wurde, fusionierte die Rütgerswerke AG 1964 mit der Gesellschaft für Teerverwertung (GfT) und der Pechkokerei der Verkaufsvereinigung für Teererzeugnisse (VfT) zur "Rütgerswerke und Teerverwertungs AG", die in 1968 "Rütgerswerke-Aktiengesellschaft" umfirmierte.

Nach dem Erwerb mehrerer Unternehmen (1973 "Société Chimique de Selzaete", Belgien; 1991 "Hamilton", Kanada; 1998 "Handy Chemicals Ltd.", Kanada, 2000 "Rütgers VFT Polska") und der Gründung der "Rütgers-Verkaufsvereinigung für Teererzeugnisse Aktiengesellschaft" (Rütgers-VfT AG) im Jahr 1992 fusionierte das Unternehmen 2002 mit der Rütgers VFT AG (Basischemie) und der Rütgers Organics GmbH (Feinchemie) zur "Rütgers Chemicals AG" mit Sitz in Castrop-Rauxel. 2007 erfolgte die Änderung der Rechtsform in eine GmbH ("Rütgers Chemicals GmbH"). 2008 wurde das Unternehmen von Evonik an den Finanzinvestor Triton verkauft.

Literatur

[Rütgerswerke AG], Zur Geschichte der Rütgerswerke, [Frankfurt a.M. nach 1975].