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Hessisches Wirtschaftsarchiv
eine Einrichtung der hessischen Industrie- und Handelskammern
und der Handwerkskammer Rhein-Main

Abt. 188 - Illert & Ewald KG

Umfang 4,0 lfd. m
Laufzeit 1852 - 1999
Findmittel Datenbank; Findbuch, bearb. von Ulrich Eisenbach (2015)

Geschichte des Bestands

Der Bestand gelangte in mehreren Ablieferungen zwischen 2006 und 2013 als Depositum von Wolf Illert, Hanau, ins Hessische Wirtschaftsarchiv. Der Depositalvertrag datiert vom 11./15. April 2007.

Die Unterlagen umfassen den Zeitraum von 1852 bis 1999 und betreffen vor allem die Produktentwicklung. Dazu existiert ein ausführlicher Schriftwechsel mit Wolf Illert, in der teilweise detailliert auf die Unternehmensgeschichte eingegangen wird.

Geschichte

Nach seiner Lehre als Lithograph eröffnete der in Mühlheim a.M. gebürtige Heinrich Konrad Johann Philipp Illert (1827-1898) 1854 zunächst in seiner Heimatgemeinde eine kleine Lithographische Anstalt, die vor allem Etiketten für die zahlreichen Zigarrenfabriken in der dortigen Gegend druckte. 1856 verlegte er seine Druckerei nach Groß-Steinheim in die Maingasse, wo ausreichend Fläche für seinen expandierenden Betrieb zur Verfügung stand. Ein Jahr später nahm er den Frankfurter Kaufmann Wilhelm Ewald aus Höchst a.M. als Teilhaber in das Unternehmen auf, das nun als "Lithographische Kunstanstalt Illert & Ewald" firmierte. Der Name wurde auch beibehalten, als Ewald 1869 kinderlos verstarb und Heinrich Conrad Johann Philipp Illert wieder alleiniger Eigentümer wurde.

In den beiden ersten Jahrzehnten ihres Bestehens war die Lithographische Kunstanstalt Illert & Ewald ein Handwerksbetrieb mit wenigen kleinen Handpressen zur Herstellung von zunächst noch einfarbigen Ausstattungen von Zigarrenkistchen. 1869 wurde die erste Schnellpresse angeschafft, 1879 kam eine zweite hinzu und 1880 wurde eine Dampfmaschine installiert. Zuvor schon hatte das Unternehmen die Chromolithographie für den mehrfarbigen Druck eingeführt. Hauptkunde blieben die Zigarrenfabriken, doch erlangte die Konservenindustrie, die im Raum Braunschweig und generell in Norddeutschland ihren Schwerpunkt hatte, immer größere Bedeutung als Auftraggeber. Der Druck von Gruß- und Ansichtskarten dagegen hatte geringere wirtschaftliche Bedeutung.

1885/87 übernahmen zwei Söhne des Firmengründers, Fritz und Heinrich Wilhelm Alexander Illert, die Leitung des Unternehmens. 1896 nahmen sie eine weitere leistungsfähige Dampfmaschine in Betrieb, um Strom zu erzeugen - den ersten in Groß-Steinheim. Bis 1910 stieg die Zahl der Beschäftigten auf rund 200.

1911 wurde bei Illert & Ewald die Produktion von Sekt- und Weinetiketten aufgenommen. Die Nachfrage auf diesem Gebiet entwickelte sich so rasant, dass bereits 1921 in Klein-Auheim mit der Chromolithographischen Kunstanstalt Gebrüder Illert GmbH ein eigenes Unternehmen speziell für den Druck von Sekt-, Wein- und später auch Spirituosen-Etiketten gegründet wurde. Die Geschäftsführung übernahmen die beiden Söhne von Heinrich Wilhelm Alexander Illert, Friedrich Wilhelm und Heinrich Illert. Hatte man 1921 mit vier Steindruckpressen und etwa 30 Mitarbeitern begonnen, so verfügte das noch junge Unternehmen 1939 bereits über 13 Steindruckpressen und sieben Offsetmaschinen sowie über nahezu 400 Beschäftigte. 1943/44 musste die Gebrüder Illert GmbH ihre Produktion einstellen, da Druckereigebäude von kriegswichtigen Betrieben genutzt wurden.

Ähnlich günstig entwickelte sich das "Mutterunternehmen" Firma Illert & Ewald nach dem Ersten Weltkrieg bzw. nach den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Nachkriegsjahre. 1924 wurde die erste Offsetmaschine in Betrieb genommen. 1929 übernahmen Hans Illert und Franz Hölscher, Sohn und Schwiegersohn von Fritz Illert, die Geschäftsführung. Im gleichen Jahr gingen die ersten Aufträge aus der Süßwarenindustrie ein. Der Druck von Schokoladeneinschlägen trug von da an in nicht unerheblichem Maße zum Umsatz bei. Kurz vor Kriegsbeginn arbeiteten in der Druckerei in Steinheim rund 400 Personen. Allein für die Gestaltung der Entwürfe beschäftigte das Unternehmen 40 fest angestellte und freischaffende Grafiker, wobei der größere Anteil bei der Gebrüder Illert GmbH lag. Zusammen kamen Illert & Ewald und die Gebrüder Illert GmbH auf einen Exportanteil von 35 Prozent. Ihre Kunden saßen in 27 Staaten. Während des Zweiten Weltkriegs kam die Produktion auch bei Illert & Ewald fast vollständig zum Erliegen.

Im April 1945 beschlagnahmte die amerikanische Militärregierung die unbeschädigt gebliebenen Betriebe von Illert & Ewald in Steinheim a.M. und der Gebrüder Illert GmbH in Klein-Auheim. In geringem Unfang wurden Druckerzeugnisse für die US-Armee und die Militärregierung hergestellt sowie Lebensmittelkarten gedruckt. Erst nach der Währungsreform im Juni 1948 konnten sich beide Unternehmen wieder ihren üblichen Geschäftsfeldern zuwenden und ihre Produktpalette kontinuierlich erweitern. Außerdem wagte man sich auf den Verlagssektor vor. Mit einem Modejournal zum Selbstschneidern von Bekleidung war man sehr erfolgreich und stand über viele Jahre hinweg in direkter Konkurrenz zu den Modeheften des Burda-Verlags. 1950 wurden Werbedrucksachen - Kataloge, Broschüren, Prospekte - ins Programm aufgenommen. Dazu wird in Steinheim eine komplette Buchbinderwerkstatt mit Falz- und Heftmaschinen und eine Kalenderfertigungsstraße eingerichtet. Der neu gegründete Forum Bildkunstverlag vertrieb Kunstreproduktionen und Kunstkalander von höchster Qualität. Das Geschäft mit Zigarrenausstattungen wurde 1957 eingestellt.

1965 fusionierte Illert & Ewald KG und Gebrüder Illert GmbH zur Illert KG Graphische Betriebe, die 1987 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Produktionsstandort war der durch einen Neubau erweiterte Betrieb in Klein-Auheim, Unternehmenssitz blieb Steinheim. Zur Zeit des Zusammenschlusses beschäftigte das Unternehmen rund 1.000 Mitarbeiter/innen. Nachdem 1986 Rolf Hölscher und 1990 Wolf Illert, die 1959 in das Unternehmen eingetreten waren, als Geschäftsführer ausgeschieden waren, gehörten der Geschäftsführung keine Familienmitglieder mehr an. 1992 beschloss die Gesellschafterversammlung, die inzwischen 40 Gesellschafter der vierten und fünften Illert-Generation umfasste, das Familienunternehmen an eine Beteiligungsgesellschaft und an Mitglieder des Illert-Managements zu verkaufen. 1999 musste das Unternehmen Insolvenz anmelden. Ursache war die allgemeine Krise der Druckindustrie, ausgelöst durch die fortschreitende Globalisierung und die Verbreitung neuer elektronischer Medien. Zwischen 1998 und 2000 wurden die Druckereigebäude in Hanau-Steinheim größtenteils abgerissen.

Literatur

Manuskript eines Vortrags von Rolf Hölscher vor dem Heimat- und Geschichtsverein Steinheim e.V. im Januar 2014.

Die Erfahrung - Das Können. 125 Jahre Illert, Hanau-Steinheim 1981.

1856-1956: 100 Jahre Illert & Ewald. Vom Steindruck zum Offsetdruck, Steinheim a.M. 1956.

Persönliche, teils handschriftliche Aufzeichnungen von Friedrich Wilhelm Illert über die Firma Gebrüder Illert ab dem 22. Dezember 1956 (HWA, Qa 20).