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Hessisches Wirtschaftsarchiv
eine Einrichtung der hessischen Industrie- und Handelskammern
und der Handwerkskammer Rhein-Main

Abt. 190, Deutsches Reisebüro GmbH

Umfang 29 lfd. m
Laufzeit -
Findmittel Datenbank; Findbuch, bearbeitet von Anne Seyboth, 2010.

Geschichte des Bestands

Der Bestand "Deutsches Reisebüro", 29 lfd. m, wurde am 20.10.2006 als Depositum an das Hessische Wirtschaftsarchiv übergeben. Die Unterlagen stellen keinen gewachsenen Unternehmensbestand dar, sondern eine Sammlung, die von der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Reisebüros angelegt bereits auf Listen mit Titel, Inhalt und Laufzeit erfasst worden.
Der Bestand enthält weiterhin eine umfangreiche Überlieferung an Unterlagen des Reisebüros Rominger in Stuttgart sowie Werbematerialien des Amtlichen Bayerischen Reisebüros. Die weitere Überlieferung des Amtlichen Bayerischen Reisebüros befindet sich im Bayerischen Wirtschaftsarchiv in München.
Der Bestand wurde von Anne Seyboth verzeichnet.

Geschichte des Unternehmens

Am 17. Oktober 1917 wurde das Deutsche Reisebüro (DR) durch die Gründungsgesellschafter Staatsbahnen der Länder (Beteiligung von 50,1 %), Norddeutscher Lloyd und Hamburg-Amerika-Linie, gegründet. Bis zum Jahr 1918 wurden weitere Gesellschafter aufgenommen, so unter anderem die Ungarischen Staatsbahnen, das Fremdenverkehrsamt Ibusz und das Österreichische Verkehrsbüro. Aus diesem Grund wurde das Unternehmen 1918 in "Mitteleuropäisches Reisebüro" (MER) umbenannt. Im Jahr 1926 nahm das MER seine Dienste als Reiseveranstalter mit einem Umsatz von 200 Mio. RM auf. Die Verbindung zwischen Europa und dem amerikanischen Kontinent wurde durch die Tochtergesellschaft Amerop Travel mit Sitz in New York abgedeckt. Später kamen Filialen in Cleveland, Los Angeles und Chicago hinzu.
Ende der 1920er Jahre hatte die Expansion des MER umfangreiche Ausmaße angenommen. Mit 1.000 Vertretungen, davon drei Viertel im Ausland (Filialen u.a. in Paris, London und Rom), hatte sich MER zu einem international anerkannten Reiseveranstalter entwickelt.
Zu Beginn des Jahres 1933 erfolgte der Umzug in ein neues Direktionsgebäude am Leipziger Platz in Berlin. MER organisierte in der Folgezeit auch die Reisen der nationalsozialistischen Organisation "Kraft durch Freude (KdF)": Bereits im Jahr 1934 wurden über KdF-Programme 80.000 Urlauber als Passagiere nach Madeira befördert, 1937 waren es bereits 150.000 Reiseteilnehmer. Zudem wurden erstmals Flugpauschalreisen ins Reiseprogramm aufgenommen. Infolge der Bewirtschaftung durch Devisen war das Auslandsreisegeschäft jedoch beschränkt.
Mit Kriegsbeginn besaß das MER 17 eigene Filialen in Berlin, Frankfurt a.M., Heidelberg, Köln, Wien, Linz, London, Paris, Rom, Mailand, New York, Los Angeles und Buenos Aires.
Am 23. November 1943 wurde das Direktionsgebäude des MER am Leipziger Platz in Berlin durch einen Bombenangriff zerstört. Mit Kriegsende wurden durch Beschluss des alliierten Kontrollrates alle ausländischen Vertretungen und Filialen des MER enteignet. Das Unternehmen firmierte von nun an unter dem Namen "Deutsches Reisebüro" (DER). Als weitere Auflage kam hinzu, dass der DER bis 1954 keine weiteren Filialen eröffnen und hinzukaufen durfte. Die Zentrale wurde nach Frankfurt a.M. verlagert. Durch Umstrukturierungen ergab sich eine neue Gesellschafterstruktur: Die Deutsche Reichsbahn hielt nun 52 %, die Hapag Lloyd AG (hervorgegangen aus Norddeutschem Lloyd und Hamburg-Amerika-Linie) 34 % und das Amtliche Bayerische Reisebüro (abr) 14 % der Anteile.
1948 schlossen sich DER, abr, Hapag Lloyd und Dr. Carl Degener zur "Arbeitsgemeinschaft DER-Gesellschaftsreisen" zusammen, die am 1. November 1951 in "Touropa" umbenannt wurde. Sowohl Bus- als auch Bahnreisen verzeichneten steigende Passagierzahlen. Bereits 1948 war die "Deutsche Touring Gesellschaft" zur Organisation der Sparte Busreisen neu gegründet worden, an deren Stammkapital der DER mit 51 % beteiligt war.
Die Filialen von MER/DER in der Sowjetzone waren unterdessen im Jahre 1949 enteignet worden. Sie wurden seither zentral verwaltet und 1964 durch das Reisebüro der DDR übernommen.
Am 23. Oktober 1954 erhielt Deutschland und damit auch das Deutsche Reisebüro seine Souveränität zurück. Damit war es dem Unternehmen wieder möglich, international zu agieren: Schon bald konnte die erste ausländische Filiale im Rom wiedereröffnet werden (1956). Es folgten weitere Niederlassungen in Paris (1963), Madrid (1973), Barcelona (1973), Los Angeles (1976), Toronto (1979), New York (1979), Miami (1984), Tokyo (1992), Mailand (1995) und Budapest (1996). Als Besonderheit im Reiseprogramm veranstaltete der DER 1956 Reisen zu den Olympischen Spielen nach Melbourne.
Die Zahl der Flugreisen stieg auch im Jahr 1958 weiter an. Der durch die Ausweitung des Aufgabenbereichs erhöhte Platzbedarf des DER führte zur Verlagerung der bislang in der Mainzer Landstraße 42 in Frankfurt a.M. ansässigen Verwaltung in den 1961 fertig gestellten und am 15. März 1961 eingeweihten Neubau in der Eschersheimer Landstraße 25-27 in Frankfurt a.M.
Eine bedeutende Entwicklung für den DER stellte 1965 die Schaffung des Großrechenzentrums "Derdata" dar, das 1990 als selbstständiges Unternehmen ausgegliedert und 1998 an Lufthansa Systems verkauft wurde.
1967 fusionieren die Reiseveranstalter DER, abr, Hapag Lloyd, Dr. Carl Degener sowie die Gesellschafter von Dr. Tigges, Scharnow und Hummel (die letzten beiden gegründet 1953) zum größten europäischen Reiseveranstalter unter der Firmierung "TUI - Touristik Union International". Dabei wurde das Veranstaltergeschäft "Touropa" in das neue Unternehmen eingebracht. Außerdem wurde der Inclusive-Tours-Flugreisen-Veranstalter "airtours" gegründet, an dem DER, abr und Hapag Lloyd gleiche Anteile besaßen. Im Jahre 1970 wurde airtours dann in die TUI eingebracht, die weiterhin den Charterbereich im europäischen Zielgebiet betreute, während der DER individuelle und spezielle Reisewünsche der deutschen Urlauber abdeckte.
Als gemeinsames Projekt von abr, Hapag Lloyd, Deutscher Bundesbahn, Deutscher Lufthansa und TUI entstand 1971 die START GmbH zur Etablierung eines vernetzten Buchungssystems, das später unter dem Namen "Amadeus" bekannt wurde.
Mit Inkrafttreten der Advanced Booking Charter (ABC) zum 1. April 1973 erreichte der Flugverkehr zwischen Amerika und Europa neue Dimensionen. Seit diesem Zeitpunkt konnten Reisebüros auch Charterflüge für Transatlantikflüge verkaufen. 1973 nutzten bereits 8.000 Reisende diese neue Möglichkeit.
Im Jahre 1977 wurde die DER-Tochter "Derpart" gegründet und nahm zum 1. März 1977 ihren Betrieb in Los Angeles auf. 1978 nutzten mittlerweile 85.000 Menschen die ABC Füge von Europa nach Amerika. Gemeinsam mit Hapag Lloyd wurde 1979 die Incoming Tochter "New World Travel" in New York gegründet. Weitere Stützpunkte und Filialen folgten. Am 18. Juli 1979 wird in Frankfurt a.M. die "Derpart Reisevertriebs GmbH" gegründet, die individuell zusammengestellte Gemeinschaftsreisen organisierte.
Im Januar 1980 beteiligte sich die Deutsche Lufthansa mit 10,8 % bei DER. 1981 gründete LTU "Meier's Weltreisen".
Im Jahre 1983 begann DER das Pilotprojekt "DERTour" mit dem Katalog "Europas grüne Oasen". Seit 1986 firmierte die gesamte Reiseveranstaltertätigkeit des DER als "DERTour".
Mit wachsenden Umsätzen und zunehmender Größe des Unternehmens DERTour wurde das Verwaltungsgebäude in der Eschersheimer Landstraße für den DER zu klein. Es folgte 1991 der Bezug des neuen Verwaltungsgebäudes in der Emil-von-Behring-Straße im Frankfurter Mertonviertel.
Im Jahre 1995 gab Hapag Lloyd seine Beteiligung beim DER auf; die Anteile übernahmen die verbliebenen Gesellschafter entsprechend ihrer Beteiligungsquoten. Außerdem wurden das Reisebüro Rominger GmbH in Stuttgart sowie das Amtliche Bayerische Reisebüro (abr) zu 100 % von der DER GmbH übernommen. Die Beteiligung von abr an TUI ging dagegen auf die Deutsche Bundesbahn AG über. 1997 wurden beide Gesellschaften mit dem DER verschmolzen.
1998 verlor der DER mit der Deutschen Lufthansa AG einen weiteren Gesellschafter. Im Hinblick auf die Geschäftsfelder folgten weitere Umstrukturierungen: Die Reiseveranstalter DERTour und DER-Reisevertrieb wurden ausgegliedert und als hundertprozentige Tochtergesellschaften "DERTour GmbH & Co. KG" und "DER Deutsches Reisebüro GmbH & Co. oHG" weitergeführt. Die DER oHG wurde gleichzeitig in die Geschäftsbereiche "DER Reisebüro" und "DER Business Travel" untergliedert. Als Dienstleistungsholding für alle Gesellschaften fungierte die Deutsches Reisebüro GmbH.
1999 wurden die Beteiligungen des DER und der DB AG am TUI Konzern an die Preussag AG verkauft.
2000 wurde der DER-Konzern an die Rewe-Zentralfinanz eG verkauft. Das Veranstaltergeschäft wurde mit der Übernahme von ADAC Reisen ergänzt. Gleichzeitig wurden die verbliebenen Auslandsbeteiligungen Paris, Toronto, Chicago und Budapest aufgegeben. Der Geschäftsbereich DERRail wurde auf die Deutsche Bundesbahn AG übertragen. DER Business Travel erreichte erstmals eine halbe Milliarde Euro Umsatz.
Im Jahre 2001 gehörten zur DER-Gruppe 270 DER-Reisebüros, 104 DER Business Travel Center und der Reiseveranstalter DERTour mit mehr als 4.000 Mitarbeitern. Es wurde ein Gesamtumsatz von 2,4 Milliarden Euro erzielt.
2004 verlagerte Meier's Weltreisen seinen Unternehmenssitz nach Frankfurt a.M.
Mit dem Katalog "DERTour Deluxe" brachte DERTour 2006 zum ersten Mal Reisen im Luxussegment europa- und weltweit auf den Markt. Außerdem schloss sich DER Business Travel mit der australischen FCM Travel Solutions zusammen und firmierte seither als FCM DER Travel Solutions.

Literatur

erfahren - vielseitig - weltweit, 70 Jahre DER, 70 Jahre Deutsches Reisebüro, 1987 (190/807)

85 Jahre Deutsches Reisebüro, 1917 - 2002, eine Zeitreise, 2002 (190/807)