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Hessisches Wirtschaftsarchiv
eine Einrichtung der hessischen Industrie- und Handelskammern
und der Handwerkskammer Rhein-Main

Abt. 203 - Vereinigte Kapselfabriken Nackenheim

Umfang 9,0 lfd. m
Laufzeit 1868 - 2010
Findmittel Datenbank

Geschichte des Bestands

Der Bestand, ca. 9 lfd. m, wurde im Juni 2010 durch den Insolvenzverwalter Dr. Robert Schiebe als Schenkung an das Hessische Wirtschaftsarchiv abgegeben.

Er umfasst überwiegend Unterlagen zu Entwicklung und Produktion, Bilanzen, Prüfungsberichte und Bauunterlagen aus dem Zeitraum 1883 - 2006.

Geschichte des Unternehmens

1868 gründete der Kaufmann Franz Frenay in Nackenheim eine Fabrik zur Herstellung von Schraubdeckeln, Kellereimaschinen und kellerwirtschaftlichen Geräten, die wenig später auch mit der Herstellung von Flaschenzierkapseln aus Metall begann.

Die ersten Jahre des jungen Unternehmens sind nur lückenhaft dokumentiert. Am 24.10.1877 wurde das Unternehmen auf Karl Voltz aus Mainz ins Handelsregister eingetragen. Nachdem dann Eugen Gumbrecht und Max Procasky das Unternehmen übernommen hatten, firmierte es seit dem 15.12.1882 unter "Karl Voltz Nachf.".

Am 29.10.1887 trat Karl Zuckmayer in das Unternehmen ein, kurz darauf auch seine Ehefrau Amalie Zuckmayer geb. Goldschmidt, die am 1.8.1888 Prokura erhielt.

Am 16.6.1900 wurde die "Nackenheimer Metallkapseln- und Kellereimaschinenfabrik AG vorm. Karl Voltz Nachf." mit Sitz in Nackenheim gegründet. Der Gesellschaftsvertrag zwischen Karl Zuckmayer, dem Bankier Felix Goldschmidt aus Mainz, dem Kaufmann Ludwig Schiff aus Frankfurt a.M., dem Ingenieur Moritz Heinrich Boninger aus Frankfurt a.M. sowie dem Kaufmann Alfred Salin aus Frankfurt a.M. setzte das Grundkapital auf 370.000 Mark fest, aufgeteilt in 370 Aktien zu 1.000 Mark. Alle Aktien verblieben im Besitz der Gründer. Zuckmayer wurde zum alleinigen Vorstandsmitglied bestimmt, die übrigen Eigentümer bildeten den Aufsichtsrat. Die Gesellschaft übernahm Zuckmayers Unternehmen "Karl Voltz Nachf." zum Preis von 295.000 Mark; Zuckmayer erhielt 175 Aktien sowie 120.000 Mark in bar. Als Gegenstand des Unternehmens wurden die Herstellung und der Vertrieb von Metallkapseln und Kellereimaschinen jeder Art bestimmt.

Die Generalversammlung am 16.1.1901 bestimmte Alfred Salin zu einem weiteren Vorstandsmitglied. Am 24.8.1901 wurden die Kaufleute Louis Fief und Otto Schaaf, beide aus Frankfurt a.M., sowie Wilhelm Feldmann aus Nackenheim zu Prokuristen bestellt. Am 18.1.1907 schied Zuckmayer aus dem Vorstand aus.

Seit der Übernahme der Geschäftsführung durch Salin wurden ausschließlich Stanniol-Kapseln produziert. Nachdem Stanniolkapseln zuerst in Frankreich von Hand auf Drückbänken hergestellt worden waren, wurde seit etwa 1895 die maschinelle Fertigung auf Streckbänken möglich. Auch für die maschinelle Produktion in Nackenheim wurden anfangs aus Frankreich eingeführte Streckbänke eingesetzt und schon nach kurzer Zeit konnte der Ausstoß auf bis zu 10 Mio. Stück pro Monat gesteigert werden. Die Nackenheimer Kapselfabrik wurde damit zum größten Hersteller von Stanniol-Kapseln in Europa und exportierte den größten Teil ihrer Produktion weltweit. Bereits 1911 wurde eine Erweiterung der Fabrikanlagen erforderlich.

Nachdem der Gegenstand des Unternehmens durch Änderung der Satzung am 13.2.1912 auf "Beteiligung an gleichartigen Fabriken, Unternehmungen oder deren Erwerb" erweitert worden war, wurde 1913 die Kapselfabrik Beyerbach Nachf. in Hattersheim übernommen und die Firmierung zum 30.1.1913 in "Vereinigte Kapselfabriken Nackenheim Beyerbach Nachf. AG" geändert.

Die Geschäfte des Unternehmens wurden durch Salin & Co. in Frankfurt a.M. geführt, einem Unternehmen, das sich mit Kanevas-Fabrikation und -Handel befasste. Sein Inhaber Alfred Salin besaß selbst Aktienanteile in Höhe von 290.000 Mark an der Kapselfabrik, während weitere 150.000 Mark in den Händen von Familienangehörigen waren. Der Vorbesitzer Carl Zuckmayer hielt noch Aktien im Nominalwert von 100.000 Mark.

Auf Grund von Materialknappheit ging die Kapselerzeugung während des Ersten Weltkriegs zurück, aber die Situation verbesserte sich bald nach Kriegsende wieder, wobei geringe Umsatzeinbußen gegenüber der Vorkriegszeit bestehen blieben.

In den Inflationsjahren 1920 - 1923 wurde das Kapital der Gesellschaft durch die Ausgabe neuer Inhaberaktien mehrfach erhöht und betrug schließlich 17 Millionen Mark. Am 2.9.1925 wurde die Umstellung des Kapitals auf Reichsmark beschlossen: das Kapital betrug nunmehr 640.000 RM, bis die Gesellschafterversammlung am 28.1.1927 eine Kapitalherabsetzung auf 600.000 RM und am 12.7.1932 eine weitere Verminderung auf 400.000 RM beschloss.

Während der Wirtschaftskrise 1929/30 brach der Absatz allerdings erneut ein. Die Senkung des Geschäftskapitals auf 400.000 RM und eine Betriebsgemeinschaft mit der Kapselfabrik Haendler & Natermann in Hann. Münden sorgte allerdings dafür, dass sich die Kapselfabrik Nackenheim zum größten Betrieb der Branche in Deutschland entwickeln konnte und 1930 die Fabrikanlagen erneut erweitert werden mussten. Auch die während des Kriegs zusammengebrochenen Geschäftsbeziehungen mit dem Ausland konnten nun wieder aufgenommen werden. Dadurch gelang es dem Unternehmen, gegen Konkurrenzunternehmen, die billige Kunststoffkapseln herstellten, zu bestehen, bis die Exporte in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg unter der politischen Lage zu leiden begannen.

Zum 9.4.1935 hatte Alfred Salin wegen der nationalsozialistischen Rassengesetze als Vorstand aus dem Unternehmen ausscheiden müssen. Sein Nachfolger im Vorstand wurde zunächst Dr. Alfred Teichl, seit 1928 persönlich haftender Gesellschafter bei Salin & Co., nach dessen Tod im Jahr 1944 Georg von Opel. Ernst Mader, der bereits 1911 in den Betrieb eingetreten war, führte bis 1944 von der Hauptverwaltung in Frankfurt aus, danach in Nackenheim die Geschäfte. Betriebsleiter in Nackenheim war Valentin Würzburger, der dem Unternehmen seit 1924 angehörte.

1937 war die Kapselfertigung von Stanniol auf Aluminium umgestellt worden, doch während des Kriegs musste dieses Material durch Feinzink ersetzt werden, das allerdings wesentlich härter war und dadurch Schäden an den Maschinen verursachte. Zum Kriegsende wurden von den Produktionskapazitäten nur noch ca. 5 Prozent für die Kapselfertigung genutzt, während im Übrigen in Lohnarbeit Dreh- und Formteile für die Wehrmacht gefertigt wurden. Dafür waren die Kapselmaschinen ausgelagert und Werkzeugmaschinen neu aufgestellt worden. 1944 wurde noch die Offenbacher Maschinenfabrik Gebrüder Schmaltz zur Fertigung hinzugenommen.

Als 1945 amerikanische Truppen in Nackenheim einmarschierten, stellte die Kapselfabrik ihre Produktion ein. Da die Kriegsschäden an den Fabrikanlagen nur sehr gering waren, waren die Aufräumarbeiten bereits Ende Mai 1945 abgeschlossen. Die Fabrik nahm zunächst Aufträge zur Reparatur von Maschinen an und lieferte Ersatzteile insbesondere für die Mainzer Industrie. Als später im Rahmen von Kompensationsgeschäften Blei und Zinn beschafft werden konnten, wurde wieder mit der Fertigung von Kapseln begonnen. Über die Maggie GmbH und Bergmann-Schnäpse erhielt das Unternehmen Zuteilungen von Aluminium-Kontingenten. Werkzeugmaschinen sowie Holzbohrmaschinen und -drehbänke wurden dagegen von den Alliierten beschlagnahmt. Ab 1947 wurde das Reparaturprogramm auf Schiff-Instandsetzungs-Arbeiten ausgedehnt und die Nachfrage der französischen Besatzungsbehörden nach Flaschenweinen zum Export förderte die Kapselproduktion.

Wie in vielen anderen Branchen auch veränderte die Währungsreform schlagartig die Rahmenbedingungen. Metalle waren nun leichter zu beziehen, so dass die Kapselproduktion schnell anstieg. Gleichzeitig wurden ausgelagerte Maschinen ins Werk zurückgeholt und instand gesetzt. Für den Binnenmarkt wurde mit dem Aufbau eines Vertreter- und Händler-Netzes begonnen, das 1953 bereits aus 50 Vertretern und mehr als 100 Fachhandelsgeschäften bestand. Bereits Ende 1948 waren über die Hamburger Exportfirma Prelius-Schmidt die ersten Exportaufträge eingegangen und zum 1.1.1953 wurde ein eigenes Exportbüro in Hamburg eingerichtet.

Das Aktienkapital, das 1948 400.000 RM betragen hatte, war überwiegend im Besitz von Irmgard von Opel, teilweise auch von Alfred Salin, der nun in Territe in der Schweiz lebte.

1949 wurde ein Bürobau errichtet, 1950 die im Krieg zerstörten Lager- und Sozialräume durch einen Neubau ersetzt. Gleichzeitig wurden neue Maschinen angeschafft.

Da Verhandlungen mit dem Patentinhaber über eine Lizenz für Aluxkapsel, ein Konkurrenzprodukt aus der Vorkriegszeit, erfolglos verlaufen waren, begann das Unternehmen 1950 mit der Entwicklung einer eigenen "Aluna-Kapsel", die im Herbst 1952 marktreif war und seit 1954 in einer eigenen Aluna-Abteilung produziert wurde. Auch die Produktionsmaschinen für die Kapseln waren von der der Kapselfabrik selbst entwickelt und hergestellt worden.

Zum 4.1.1951 wurde die Firmierung in "Vereinigte Kapselfabriken Nackenheim AG" geändert.

Die Hauptversammlung am 18.11.1953 berief Irmgard von Opel zum 1.1.1954 als Vorstand, die damit ihren Ehemann Georg von Opel in dieser Funktion ablöste.

1955 übernahmen Irmgard von Opel und ihr Sohn Carlo die restlichen in Streubesitz befindlichen Aktien und wurden damit alleinige Eigentümer der Kapselfabrik. Die Hauptversammlung am 26.7.1956 beschloss die Umwandlung in eine GmbH, deren Geschäftsführerin Irmgard von Opel wurde sowie die Einrichtung eines Aufsichtsrats mit mindestens drei Mitgliedern.

1954 hatte ein Großbrand zwei Fabrikgebäude und 50 Prozent der Produktionseinrichtung zerstört. Der Wiederaufbau in den Jahren 1954/55 bot den Anstoß, die Produktionsanlagen und Maschinen grundlegend zu modernisieren. 1957 begann das Unternehmen mit der Lackierung von Alu-Folienbändern und rüstete die Stanniolkapsel-Druckautomaten von Transmissionsbetrieb auf Einzelantrieb um. Im Jahr darauf wurden Wickelautomaten für Aluminiumfolien gebaut, mit denen Sektkapseln, die bislang von Hand gewickelt worden waren, maschinell hergestellt werden konnten. 1960 wurde in der Stanniolgießerei eine Ölheizung mit größerem Kessel aufgestellt. Wachsender Personalbedarf führte seit 1962 zur Beschäftigung spanischer Arbeiterinnen.

1963 wurde ein Werk in Hamm gekauft, in dem ein Jahr später mit der Produktion von Stanniolkapseln begonnen wurde. Ebenfalls seit 1964 produzierte das Unternehmen eigenen Lack für die Lackierung von Stanniolkapseln und Aluminiumfolien in Nackenheim, schloss die Entwicklung von KV-Drehverschlüssen mit langem Kapselmantel für Spirituosenflaschen ab und meldete sie zum Patent an.

1965 wurden die Werksanlagen durch den Ankauf des angrenzenden Domänengeländes und die Errichtung eines Neubaus mit einem Kapsellager im Erdgeschoss und der Alufolien-Lackiererei im ersten Stock erweitert, der 1967 bezogen werden konnte

Gleichzeitig erreichte die Anzahl ausländischer Beschäftigter mit ca. 100 Personen ihren Höhepunkt. 1966 stellten die Vereinigten Kapselfabriken mit 425 Beschäftigten das größte Unternehmen der Branche dar. Rund 53 Prozent des deutschen Bedarfs an Flaschenkapseln aus Stanniol und Aluminium wurden von der Vereinigten Kapselfabriken GmbH hergestellt, die 76 Prozent der gesamtdeutschen Kapselausfuhr produzierte.

1967 wurde mit dem Bau von Lackierautomaten für Stanniolkapseln begonnen, die vollautomatisch mehrere Arbeitsgänge (Lackieren, Seitendruck, Aufdruck von Rändern und Streifen, Kopfprägung, Abreißperforation, Anbringen der Abreißzunge) bewältigten.

1968 feierte das Unternehmen sein 100-jähriges Bestehen. Im Juli 1972 ging die Geschäftsführung der Vereinigten Kapselfabriken von Irmgard von Opel auf ihren Sohn Dr. Heinz von Opel über. 2005 verkaufte die Familie Opel das bereits angeschlagene Unternehmen an die französische Sparflex-Gruppe.

Am 28.4.2009 mussten die Vereinigten Kapselfabriken Insolvenz anmelden. Mit der Insolvenzverwaltung wurde der Mainzer Rechtsanwalt Robert Schiebe beauftragt. Zum 1.4.2010 übernahm die spanische Ramondun-Gruppe das Metallkapsel-Geschäft.

Literatur

Abt. 203, Nr. 136, 203, 132, und 134.